Ein Bürgerbus für mehr Mobilität und Gemeinschaft
Rund 30 Interessierte folgten Anfang Juni der Einladung der Stadt Tauberbischofsheim ins Technologie- und Gründerzentrum, um sich über das geplante Bürgerbus-Projekt zu informieren. Zwei Vertreter des Bürgerbusvereins Grünsfeld stellten dabei die erfolgreiche Umsetzung ihres Modells vor. Mitte Juli warben Verwaltung und die ehrenamtliche ÖPNV-Arbeitsgruppe zudem mit einem Informationsstand auf dem Marktplatz für das Vorhaben. Doch warum braucht Tauberbischofsheim einen Bürgerbus – und wie geht es jetzt weiter? Darüber sprachen wir mit Michael Karle, Haupt- und Personalamtsleiter der Stadt, und Christian Gros, Sachgebietsleiter und Projektverantwortlicher.
Herr Karle, Herr Gros – warum will die Stadt überhaupt einen Bürgerbus ins Leben rufen?
Michael Karle: Die Stadt Tauberbischofsheim ist im Rahmen ihrer freiwilligen Aufgabenerfüllung für den innerstädtischen Verkehr verantwortlich. Während das Landratsamt und die Verkehrsgesellschaft Main-Tauber mbH (VGMT) den Busverkehr im Landkreis organisieren, geht es uns um die Mobilität innerhalb der Kernstadt. Hier gibt es seit Jahren ein zentrales Problem: Gerade ältere Menschen oder Personen ohne Auto haben große Schwierigkeiten, aus den Wohngebieten auf den Hanglagen in die Innenstadt oder zu Einkaufsmöglichkeiten zu kommen.
Christian Gros: Aus diesem Grund fährt seit knapp 40 Jahren der sogenannte Stadtbus an den Markttagen – Dienstag und Freitag – durch das Stadtgebiet. Doch dieser Linienverkehr erreicht längst nicht mehr alle Bürgerinnen und Bürger. Wohngebiete wie die Königheimer Straße oder der Laurentiusberg sind nicht angebunden. Zudem sind Linienverkehre außerhalb des regulären Verbundgebiets des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar (VRN) von den Verkehrsbehörden nicht mehr gewollt. Es war also absehbar, dass das bestehende Modell überarbeitet werden muss.
Michael Karle: Die aktuelle Vergabe der Linienverkehre läuft bis Dezember 2027. In diesem Zusammenhang sollte auch der Stadtbus neu geplant werden. Der Gemeinderat hat sich jedoch mit Blick auf die fehlende Praxistauglichkeit des bestehenden Modells und die angespannte Haushaltslage gegen eine Teilnahme an dieser Ausschreibung entschieden. Stattdessen soll ein ehrenamtlich organisierter Bürgerbus die Mobilitätslücken schließen.
Welche Rückschlüsse haben Sie aus der Informationsveranstaltung Anfang Juni gezogen?
Christian Gros: Das Interesse an einem Modell ist auf jeden Fall da! Besonders wichtig war der Wunsch nach einer Haustürbeförderung, also einer flexiblen Abholung direkt von zu Hause. Zudem wurde klar, dass viele Praxisfragen erst im Austausch mit den künftigen Fahrerinnen und Fahrern geklärt werden können. Zum Beispiel: Soll der Bus zentral stationiert sein oder ist es praktikabler, wenn er den Ehrenamtlichen direkt übergeben wird?
Michael Karle: Ein weiterer Punkt war der Mehrwert für die Ehrenamtlichen selbst. Viele sehen im Bürgerbus nicht nur eine Aufgabe, sondern auch eine Chance, soziale Kontakte zu knüpfen und etwas für die Gemeinschaft zu tun. Für ein System, das an allen fünf Werktagen fahren soll, brauchen wir allerdings noch mehr Mitstreiterinnen und Mitstreiter.
Wie ist denn aktuell der Stand? Wie viele Freiwillige haben sich bereits gemeldet?
Christian Gros: Zusammen mit der ÖPNV-Arbeitsgruppe haben wir uns das Ziel gesetzt, bis zum Ende der Sommerferien möglichst viele Interessierte zu gewinnen. Bisher haben sich insgesamt 18 Personen bei der Verwaltung gemeldet, davon 13, die sich vorstellen können, als Fahrerinnen oder Fahrer tätig zu sein. Besonders beeindruckt hat uns, dass sich fast die Hälfte der Interessierten auch vorstellen kann, sich in einem künftigen Bürgerbus-Verein zu engagieren. Eine Person hat sogar konkret Interesse signalisiert, eine führende Rolle im Verein zu übernehmen. Hier hat sogar bereits ein Erstgespräch stattgefunden.
Michael Karle: In erster Linie suchen wir weiterhin Fahrerinnen und Fahrer. Aber auch andere Aufgaben sind wichtig – zum Beispiel die Wartung des Fahrzeugs oder die Organisation im Hintergrund. Jede Unterstützung ist willkommen!
Wo sehen Sie die Aufgaben der Verwaltung bei diesem Projekt?
Michael Karle: Die Stadt übernimmt natürlich eine zentrale Rolle bei der Einrichtung des Bürgerbusses. Dazu gehört zum Beispiel, sicherzustellen, dass der Bürgerbus keine Konkurrenz zum Taxigewerbe oder zum regulären ÖPNV darstellt. Wir müssen die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen schaffen, damit das Projekt erfolgreich starten kann.
Christian Gros: Sehr wahrscheinlich wird die Stadt auch die Vorbestellungen für den Bürgerbus entgegennehmen und die Fahrplanung für den nächsten Tag koordinieren. Zudem kümmern wir uns um die Beschaffung des Busses sowie um zentrale Themen wie die Fahrzeug- und Insassenversicherung. Der Bürgerbus soll kein privates Projekt sein, sondern ein Gemeinschaftsvorhaben – und dafür braucht es eine starke Unterstützung durch die Verwaltung.
Welche Voraussetzungen sollte eine Fahrerin oder ein Fahrer mitbringen – und wie kann man sich die Aufgabe grob vorstellen?
Christian Gros: Da unser Bürgerbus flexibel und nicht im klassischen Linienverkehr fahren soll, ist kein zusätzlicher Personenbeförderungsschein erforderlich. Ein Führerschein der Klasse B oder BE – also der frühere Führerschein der Klasse 3 – ist völlig ausreichend. Die Fahrerinnen und Fahrer erhalten am Vortag ihren Fahrplan für den kommenden Tag und wissen dann genau, wann sie wo fahren müssen.
Michael Karle: Sobald ein konkreter Bus zur Verfügung steht, wird es ein Fahrsicherheitstraining geben, damit sich alle an das Fahren mit dem größeren Fahrzeug gewöhnen können. Noch nicht endgültig entschieden ist, ob es ganztägige Schichten von 8 bis 18 Uhr mit Mittagspause geben wird oder ob wir Halbtagsschichten anbieten. Das werden wir gemeinsam mit den Ehrenamtlichen abstimmen.
Und wie soll es jetzt konkret weitergehen?
Christian Gros: Wir freuen uns noch bis Ende der Sommerferien über jede Interessensbekundung. Wer mitmachen möchte, kann sich per E-Mail an zentrale.aufgaben@tauberbischofsheim.de oder telefonisch unter 09341/803-1101 bei mir melden. Unser Ziel ist es, mindestens 20 interessierte Fahrerinnen und Fahrer zu finden.
Michael Karle: Am 10. September 2026 um 18 Uhr laden wir alle Interessierten zu einem weiteren Treffen ins Technologie- und Gründerzentrum ein. Dort werden wir die nächsten Schritte besprechen und die Weichen für die Gründung eines Bürgerbus-Vereins stellen. Auf dieser Basis wird der Gemeinderat in seiner Sitzung Ende September entscheiden, ob die Stadt die erforderlichen Mittel für die weitere Planung bereitstellt.
Christian Gros: Im weiteren Jahresverlauf geht es dann um die Sammlung von Spenden für den Bus sowie um die konkrete Beschaffung des Fahrzeugs. Parallel dazu soll sich der Bürgerbus-Verein gründen, um die Einführung des Systems zu begleiten. Wir sind optimistisch, dass wir dieses Projekt gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern auf die Straße bringen können.
Vielen Dank für das Gespräch!
Kontakt für Interessierte:
Stadt Tauberbischofsheim
Christian Gros
Telefon: 09341 803-1101
E-Mail: zentrale.aufgaben@tauberbischofsheim.de
